Hirtenbriefe zur Fastenzeit

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2020

Zur Ehre der Altäre erhoben

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2020 von Msgr. Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wie inzwischen da und dort gewiss schon bekannt sein dürfte, ist es mir ein wichtiges Anliegen, dass wir in diesem Jahr den Patrozinien unserer Kirchen und Kapellen eine besondere Aufmerksamkeit schenken. Die Kirchen- und Kapellenpatrone in den Pfarreien unseres Erzbistums sind uns durch Gottes weise Vorsehung und durch die Vermittlung der Kirche zu Schutzheiligen gegeben, auf deren Fürsprache am Throne Gottes wir uns verlassen dürfen. Das trifft natürlich vorrangig auf die selige Jungfrau Maria, die Königin aller Heiligen, zu. Die vertiefte Kenntnis der Patrozinien ist nicht nur eine Verpflichtung, die sich aufgrund der Geschichte unserer Pfarreien ergibt, sondern noch viel mehr ein Gebot der Stunde, weil wir vor allem den Kindern und Jugendlichen – inzwischen aber auch vielen Erwachsenen – den Zugang zu den Schutzpatronen unserer Gotteshäuser schulden, damit sie um ihre Zugehörigkeit zur Wohnortspfarrei und zu unserem Bistum wissen und sich der Freundschaft mit der Kirche des Himmel erfreuen können.

Nie zuvor hat es in der Kirchengeschichte so viele Selig- und Heiligsprechungen gegeben wie in der Zeit der letzten Pontifikate, namentlich unter demjenigen des inzwischen selbst heiliggesprochenen Papstes Johannes’ Pauls II. Da darf ich sicherlich auch daran erinnern, was er bei seinem Pastoralbesuch am 8. September 1985 in unserem Land gesagt hat, als er zur Jugend sprach: “Gott ist gross im Leben einzelner Menschen, im Leben Marias selber und vieler heiligmässiger Männer und Frauen, die als leuchtende Vorbilder in die Geschichte eingegangen sind.”1

In seinem Grusswort hatte mein Vorgänger auf dem Churer Bischofsstuhl zu Beginn der Eucharistiefeier im Sportpark Eschen-Mauren damals den Papst unter anderem mit folgenden Worten willkommen geheissen: “Heiliger Vater, Sie sind gekommen, um uns Mut zuzusprechen und uns im Glauben zu stärken. Ihre Stimme reiht sich heute ein in die vielen Zeugnisse, welche die Heiligen dieser Gegend, vom Bodensee bis hinauf in die churrätischen Täler, hinterlassen haben. Vor unserem geistigen Auge steht der Churer Glaubensbote Luzius, der im Gebiet des oberen Rheintales den Glauben verkündete und den wir als Bistums- und Liechtensteiner Landespatron verehren; der fromme Einsiedler Eusebius vom Viktorsberg, dem die benachbarten Vorarlberger aus dem Bistum Feldkirch ein bleibendes Andenken bewahren; der leidgeprüfte Mönch Otmar, der in der Bodenseegegend geboren und am Bischofshof in Chur zum Priester herangebildet wurde, den die Gläubigen aus dem Bistum St. Gallen als Gründerabt des gleichnamigen Klosters in Ehren halten; der heilige Karl Borromäus und der heilige Fidelis von Sigmaringen, die nachweislich durch diese Lande gewandert sind. Ihre unvergessene Botschaft und ihr denkwürdiges Beispiel leuchten heute in hellem Licht auf, wenn Sie als Oberhirte der katholischen Kirche zu uns sprechen und mit uns beten.”2 Dass dem Heiligen Vater die Erwähnung seines Namenspatrons, des heiligen Karl Borromäus, sichtlich Freude bereitete, können wir gut verstehen. Es bringt uns zudem aktuell in Erinnerung, dass dieser grosse Heilige unserer Kirche heuer genau vor 450 Jahren – am 30. August 1570 – mit seinem Gefolge unser Gebiet durchquerte. Dies soll uns Grund und Anlass sein, zum gegebenen Zeitpunkt des heiligen Kardinals und Bischofs von Mailand besonders zu gedenken. In einem bekannten Wechselgebet heisst es: “Heilige Patrone unseres Bistums, alle Heiligen und Seligen, die in unserer Heimat gelebt und gewirkt haben: Bittet für den Bischof und unser Bistum.”3


1. Zur Ehre der Altäre erhoben sind die Heiligen unsere treuen Freunde.

Der Ausdruck “zur Ehre der Altäre erhoben” steht für die kirchliche Anerkennung von Menschen, die durch ihr heiliges Leben und Sterben vorbildhaft leuchten, und für die offizielle Zuerkennung ihrer liturgischen Verehrung. Dabei gilt selbstverständlich, was ich schon früher einmal so ausgedrückt habe: “Die gesamte Gemeinschaft der Heiligen wird immer grösser sein als die Zahl derer, die selig- und heiliggesprochen sind. Diese sind gleichsam nur eine Auswahl, die Gott durch besondere Zeichen und Wunder zeigen will und auf welche die Kirche besonders aufmerksam macht.”4 Im Katechismus der Katholischen Kirche lesen wir: “Wenn die Kirche gewisse Gläubige heiligspricht, das heisst feierlich erklärt, dass diese die Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben, anerkennt die Kirche die Macht des Geistes der Heiligkeit, der in ihr ist. Sie stärkt die Hoffnung der Gläubigen, indem sie ihnen die Heiligen als Vorbilder und Fürsprecher gibt.5 ‘In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige’6, ‘Die geheime Quelle und das unfehlbare Mass der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit’7.”8 In meinem schon erwähnten früheren Hirtenbrief hatte ich die Anregung gemacht: “Jeder von uns sollte ein echtes Interesse daran haben, seinen Namenspatron oder seine Namenspatronin kennenzulernen. Mehr noch: es soll zwischen diesen und uns eine vertrauensvolle Freundschaft bestehen, so dass wir deren Hilfsbereitschaft und Fürbitte gerne in Anspruch nehmen. Zudem werden wir durch ihr vorbildliches Leben, Wirken und Sterben Anregung und Bestärkung darin erfahren, uns selber noch mehr auf Gott und seinen Heilswillen auszurichten, uns noch besser und selbstloser für das Wohl der Menschen und der ganzen Schöpfung einzusetzen, uns mit noch grösserer Hingabe unserer eigenen Berufung zu widmen.”9

Heute möchte ich diese Einladung ausweiten auf die Namen der Heiligen unserer Kirchen- und Kapellenpatrozinien und damit auf den Bereich unserer konkreten Wohnorte, die unter deren Schutz stehen. Wir können hier durchaus von den Namenspatroninnen und Namenspatronen unserer Gotteshäuser vor Ort sprechen. Sie rufen uns zur Freundschaft mit ihnen auf. Ihre bildlichen Darstellungen laden uns dazu ein, sich mit den Dargestellten vertraut zu machen. Treue Freunde wollen sich begegnen und besser kennenlernen. Die örtlich verehrten Heiligen bieten uns fortwährend ihre Freundschaft an und erweisen sich darin als treu. Bekanntlich zeigt sich die wahre Liebe in der Treue. “Die Liebe ist die Seele der Heiligkeit, zu der alle berufen sind: ‘Sie leitet und beseelt alle Mittel der Heiligung und führt sie zum Ziel’10.”11 Wenn wir aufgrund unserer eigenen Berufung zur Heiligkeit die Liebe zu unseren Kirchen- und Kapellenpatronen vermehrt oder überhaupt neu entdecken und entfalten, dann werden sich aus dieser Freundschaft mit ihnen auch ein tieferes Gemeinschaftsbewusstsein und ein intensiveres Gemeinschaftsleben unter den Gläubigen ergeben. Die treue Freundschaft der Heiligen gründet schliesslich in deren Freundschaft mit Gott, der uns durch alle Zeiten treu bleibt und unser Echo der treuen Freundschaft erwartet, wie es die Heiligen bewiesen haben. So tritt die göttliche Weisheit von Geschlecht zu Geschlecht “in heilige Seelen ein und schafft Freunde Gottes und Propheten”12.


2. Zur Ehre der Altäre erhoben sind die Heiligen unsere wahren Vorbilder.

Noch einmal erlaube ich mir, etwas in Erinnerung zu rufen, was ich schon im Fastenhirtenbrief 2011 betont habe: “Dem überzeugten Christen wird es nie und nimmer egal sein, wer Vorbildlichkeit für sich beanspruchen kann und wem Vorbildcharakter zukommt. Unsere Kirche hat darauf eine klare Antwort: es sind die Seligen und Heiligen des Himmels. Es sind diejenigen, deren Leben in der Nachfolge Jesu gelungen ist und die dafür die Krone des ewigen Lebens empfangen haben. Es sind jene, die - wie es eine schöne Ausdrucksweise besagt - zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Sie sind die leuchtenden Sterne am Himmel der Heiligkeit. Sie bilden die heilige Schar der Vorbilder. Sie gehören zu jener Wolke von Zeugen, die ganz für Gott und in Vereinigung mit ihm für die Menschen gelebt und gelitten haben, ja oft ihr Leben im Martyrium für den Herrn, den sie liebten, hingaben.”13 Es gibt offenbar ein gewisses menschliches Bedürfnis, sich an Idealen und an Idolen auszurichten, wobei die Inhalte solcher Ideale und die Art solcher Idole sehr verschieden und sogar widersprüchlich sein können. Da kommen eben menschliche Vorlieben und Geschmacksrichtungen ins Spiel; da kommen Modeströmungen und Medientrends zum Zug. Der gläubige Christ ist gehalten, sich um eine klare Unterscheidung der Geister zu bemühen – und dies unter dem Anspruch der Wahrheit, der sich aus Jesu Person und Botschaft ergibt. Der gläubige Katholik schaut dabei auch auf die Heiligen, die in der Nachfolge des Herrn die wahren Vorbilder im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe geworden sind.

Wenn wir uns in diesem Jahr vermehrt auf die Patrone unserer Kirchen und Kapellen konzentrieren, dann besonders auch deswegen, um sie uns zum Vorbild zu nehmen, wie wir selber dem Willen Gottes besser entsprechen und ein Leben nach Gottes Wohlgefallen führen können. Als echte Vorbilder, die unabhängig von Modeströmungen und Medientrends sind, spornen diese Heiligen uns dazu an, es ihnen gleichzutun. Sie ermutigen uns zu einem glaubwürdigen Leben in der Nachfolge Jesu. Jeder Glockenschlag, der von unseren Kirchtürmen tönt, lockt uns gleichsam in die Gemeinschaft mit unseren örtlichen Schutzheiligen, damit wir in ihr Gotteslob miteinstimmen und uns durch ihr Glaubenszeugnis angezogen fühlen.

 

3. Zur Ehre der Altäre erhoben sind die Heiligen unsere wirksamen Fürbitter.

Ein schönes Kirchenlied lädt uns dazu ein, auf die Fürbittmacht der Heiligen zu vertrauen: “Ihr Freunde Gottes allzugleich, / verherrlicht hoch im Himmelreich, / erfleht am Throne allezeit /
uns Gnade und Barmherzigkeit! / Helft uns in diesem Erdental, / dass wir durch Gottes Gnad und Wahl / zum Himmel kommen allzumal!”14 Damit ist auch schon das Ziel der erbetenen Fürsprache unserer Patrone genannt. Sie sollen und wollen uns helfen, in den Himmel zu kommen. Denken wir doch öfters daran, wenn wir vor unseren Kirchen und Kapellen, die nach unseren Patronen benannt sind, stehen und auf die Glockentürme schauen, die nach oben weisen. Diese sind gewissermassen ein Fingerzeig Gottes, der die entscheidende Richtung unseres Lebens angibt: senkrecht, aufwärts, himmelwärts. Unsere heiligen Patrone lehren uns den aufrechten Gang aus Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen sollen, dann ist dies nur möglich, wenn wir tugendhaft aufrecht und aufrichtig sind. Wenn es in der horizontalen Ebene stimmen soll, setzt dies voraus, dass im Koordinatensystem unseres Lebens die Vertikale nicht ausgeblendet ist, sondern vielmehr sogar vorrangig beachtet wird. Im Doppelgebot der Liebe ist und bleibt bei aller Gleichbedeutung die Gottesliebe der Nächstenliebe vorgeordnet; denn ohne die Gottesliebe würde die Nächstenliebe sehr bald verflachen, ihre Kraft verlieren und in die Gefahrenzone des Egoismus gelangen.

“Gutmenschentum” mag sympathisch wirken und auch Positives hervorbringen; es neigt aber schnell zur Selbstdarstellung und Selbstgefälligkeit, so dass es vor allem auf Öffentlichkeitswirkung ankommt; da gilt dann das Motto: Tu etwas Gutes und lass es die ganze Welt wissen. Dabei fehlt jedoch die entscheidende Zielrichtung, die in einem paulinischen Appell aufklingt: “Tut alles zur Verherrlichung Gottes!”15 Wir haben aus dem Munde Jesu im Evangelium des Aschermittwochs die Mahnung vernommen: “Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibt; und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.”16 Wenn es uns dennoch erlaubt ist, unser Licht vor den Menschen leuchten zu lassen, damit sie unsere guten Taten sehen, dann nur deswegen, damit sie unseren Vater im Himmel preisen.17 Ja, es gilt eben der Grundsatz: Alles zur grösseren Ehre Gottes!

Unsere Kirchen- und Kapellenpatrone sind in ihrem Dienst am Mitmenschen von dieser Art. Sie posaunen ihren Liebesdienst nicht vor sich her, sondern vollziehen ihn in aller Demut und Bescheidenheit; sie verrichten ihn vor allem durch ihre wirksame Fürbitte am Throne Gottes. Damit machen sie deutlich, dass der Geber aller Gaben Gott selbst ist, auch wenn und gerade wenn er Menschen der Nächstenliebe in seinen Dienst nimmt. Dabei ist oft nicht in erster Linie die materielle Leistung von Bedeutung, sondern vor allem die liebende Zuwendung und Hingabe an die Mitmenschen in ihren vielfältigen Nöten, seien diese nun körperlicher, seelischer, geistiger oder geistlicher Art. Der Sohn Gottes, der zu unserem Heil Menschennatur angenommen hat und in seiner Kirche fortlebt, war und ist kein Philanthrop humanistischer Prägung. Er ist vielmehr unser Erlöser und Heiland, der uns die Tür zum ewigen Leben geöffnet hat und sie durch den Dienst der Kirche offen hält: durch deren Dienst am Wort Gottes, durch deren Dienst an der Fülle der von Gott geoffenbarten Heilswahrheit, durch deren Dienst im Gebet und in der Feier beziehungsweise in der Spendung der heiligen Sakramente und Sakramentalien, durch deren Dienst in vielfältigen Werken der Liebe. Bei alledem wirkt die Kirche des Himmels kraftvoll mit – also die Gemeinschaft der Engel, der Seligen und Heiligen, der in Gott Vollendeten. Sie alle, zur Ehre der Altäre erhoben, allen voran die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria, sind wirksame Fürbitter für uns, die wir noch auf dem irdischen Pilgerweg voranschreiten – das Ziel unserer Berufung vor Augen: die ewige Vollendung in Gottes Herrlichkeit.

Bald wird eine Kleinschrift über unsere Kirchen- und Kapellenpatrone beziehungsweise über die Patrozinien der Pfarrkirchen und Kapellen im Erzbistum Vaduz erscheinen. Sie korrespondiert mit den bereits in Umlauf befindlichen Patroziniumsbildchen und möchte eine Hilfe sein, die Schutzheiligen unserer Gotteshäuser vermehrt bekannt und beliebt zu machen. Für alle Bemühungen zur Förderung des damit verbundenen Anliegens danke ich von Herzen.

Die Fastenzeit als Vorbereitung auf das heilige Osterfest eröffnet uns im geistlichen Blick auf unsere heiligen Patrone gewiss viele Möglichkeiten, durch die Abkehr von Sünde und Schuld sowie durch die Hinwendung zu Gott neu die Freude im Glauben zu erleben und dadurch dem gerecht zu werden, was der Völkerapostel in die schlichten und doch so anspruchsvollen Worte kleidet: “Das ist es, was Gott will: eure Heiligung”18. Dazu erbitte ich uns allen im Vertrauen auf die Fürsprache unserer heiligen Patrone den Segen Gottes.

Schellenberg, am Fest der Darstellung des Herrn / Mariä Lichtmess,
2. Februar 2020

✠ Wolfgang Haas
Erzbischof von Vaduz

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Ansprache von Papst Johannes Paul II. an die Jugend vor der Dux-Kapelle in Schaan am 8. September 1985

Grusswort von Diözesanbischof Dr. Johannes Vonderach an Papst Johannes Paul II. zu Beginn der Eucharistiefeier im Sportpark Eschen-Mauren am 8. September 1985

3 Kirchengesangbuch (KGB) Nr. 681

4  Hirtenbrief zur Fastenzeit 2011 “Eine Wolke von Zeugen”

Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 40; 48-51

Papst Johannes Paul II., Apostolisches Mahnschreiben Christifideles laici vom 30. Dezember 1988, 16,3

7 Papst Johannes Paul II., Apostolisches Mahnschreiben Christifideles laici vom 30. Dezember 1988, Nr. 17,3

8 KKK Nr. 828

KKK Nr. 828

10 Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 42

11 KKK Nr. 826

12 Weish 7,27

13 Hirtenbrief zur Fastenzeit 2011 “Eine Wolke von Zeugen”

14 Kirchengesangbuch (KGB) Nr. 891; Katholisches Gesangbuch (KG) Nr. 787; Gotteslob neu (GL) Nr. 542

15 1 Kor 10,31

16 Mt 6,3-4

17 Vgl. Mt 5,16

18 1 Thess 4,3

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019

Schatz in zerbrechlichen Gefässen

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019 von Msgr. Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz

(Der Hirtenbrief ist am 1. Fastensonntag, 10. März 2019, in allen Gottesdiensten vorzulesen. Er kann auch auf zwei Fastensonntage verteilt vorgetragen werden. Zur Veröffentlichung in der Presse ist er vom 11. März 2019 an freigegeben.)

 

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wohl den meisten von uns ist das Wort Jesu geläufig: “Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.”1 Einem Mädchen – über alle Ohren verliebt, wie man gelegentlich zu sagen pflegt – hat diese Redewendung besonders gut gefallen, dachte es dabei doch an sein “Schätzchen”. Dass Jesus hier nicht das “Schätzchen” der Verliebten meint, sondern dass es ihm bei seiner Rede um die falsche und die rechte Sorge im menschlichen Leben geht, war zunächst nicht in Betracht. Jesus will uns lehren, dass wir nicht vergängliche Schätze hier auf Erden sammeln sollen, sondern dass wir für uns bleibende Schätze im Himmel anlegen. Wenn also das “Schätzchen” ein wirklicher Schatz sein will, dann muss es für den Himmel tauglich sein und nicht nur himmlische  Gefühle auslösen. Solche tragen wir bekanntlich in zerbrechlichen Gefässen; sie können nur allzu schnell dahinschwinden.

Gewiss verbinden wir die liebende Empfindung eines Menschen mit dem Herzen, einem lebenswichtigen Organ, das die Durchblutung des Körpers ermöglicht und sichert. Schon das physische Herz schlägt also nicht nur für sich selbst, sondern für den ganzen Leib, um ihn mit Blut zu versorgen. So schlägt das liebende Herz gerade nicht nur für sich selbst, sondern für den geliebten Menschen und wendet sich ihm als einem wertvollen Schatz zu, den es zu umsorgen gilt. Der höchste und grösste Schatz aber ist Gott selbst, der sich uns in seinem mensch­gewordenen Sohn als die Fülle des Lebens, als die Fülle der Wahr­heit, als die Fülle der Liebe geoffenbart hat.

So kann Paulus in seinem zweiten Brief an die Korinther schrei­ben: “Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefässen; so wird deutlich, dass das Übermass der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.”2 Was der Völkerapostel hier festhält, bezieht er zunächst auf sich selbst und auf seinen Dienst an der Gemeinde. Er weiss sich dabei in die Leidensgemeinschaft mit Christus hineingenommen. Paulus kennt einerseits die Grösse und Schön­heit des Aposteldienstes, zugleich aber auch die Not, die sich oft damit verbindet. Sein Verhältnis zur Gemeinde von Korinth hatte sich verschlechtert. Gegnerische Kreise versuchten, die junge Christengemeinschaft gegen ihn aufzuhetzen. So wird es notwendig, den Korinthern die richtige Beurteilung seiner apostolischen Mission zu ermöglichen. Die teilweise schon erlangte Versöhnung soll zu einer vollständigen geführt werden. Dies will der Völkerapostel durch eine demütige christusförmige Darstellung seines grossen Auftrages erreichen. So bekennt er freimütig: “Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.”3

Was den apostolischen und missionarischen Dienst damals kennzeichnete, widerfährt den treuen Dienern und wahren Verkündern der Kirche in allen Zeiten – so auch heute. In einer säkularisierten Umwelt, wie wir sie gerade auch in unseren Breiten erleben, tun wir uns oft schwer, wenn wir offen die Wahrheit lehren und wenn wir in dem Dienst, der uns durch Gottes erbarmende Liebe übertragen wurde, unseren Eifer nicht erlahmen lassen, uns vielmehr von aller schimpflichen Arglist losgesagt haben und das Wort Gottes nicht verfälschen.4

Das Neuheidentum, das sich auch bei uns immer mehr ausbreitet und so manche Formen von Religionsersatz bis hin zu okkulten Praktiken hat erstehen lassen, macht eine Neuevangelisierung erforderlich, die der unverfälschten und ungeschmälerten göttlichen Wahrheit verpflichtet ist, wie sie uns in der Person Jesu Christi und in seiner Lehre begegnet. Dieser wahre Schatz leuchtet uns nur im Antlitz Christi auf; wir können ihn nur auf seinem Antlitz erkennen. Freilich tragen wir diesen Schatz in zerbrechlichen Gefässen, weil jeder von uns seine Grenzen und seine Schwächen hat. Wir kennen uns – wenn wir ehrlich sind – gut genug, um zu erkennen, wie schwach, wie zerbrechlich, wie gefährdet wir alle sind, wenn es um Glaube, Hoffnung und Liebe geht, wodurch wir zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi befähigt sind.

Paulus hat gewiss bei seiner Rede von den “zerbrechlichen Gefässen” an die Töpferware gedacht.5 Wenn man als Sohn eines Töpfers mit diesem Bild konfrontiert wird, dann denkt man natürlich sofort an das keramische Handwerk und seine Produkte. Von Kind auf hörte man das poetische Wort: Gott der Schöpfer war, wie bekannt, der erste Töpfer; und man erinnert sich dabei an die Anspielung auf die Erschaffung des Menschen aus Lehm. Wie plastisch ist doch die biblische Schilderung, die wir alle kennen: “Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.”6

Schon von daher verwundert es natürlich nicht, dass Gott im Verständnis der Heiligen Schrift jene Souveränität über alle Geschöpfe besitzt, wie sie der Töpfer über die von ihm angefertigten Objekte hat.7

Am Aschermittwoch, an dem uns die Asche aufs Haupt gelegt oder ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet wird, macht uns diese Zeichenhandlung sinnenfällig die Vergänglichkeit unseres irdischen Lebens bewusst, und es erreicht uns neu der Ruf zur Bekehrung und zu einem vertieften Glauben an das Evangelium: “Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst”. Und beim Begräbnisritus vernehmen wir die Worte: “Von der Erde bist du genommen, und zur Erde kehrst du zurück. Der Herr aber wird dich auferwecken”. Es stellt sich die Frage, woher denn diese Zerbrechlichkeit unseres Gefässes kommt. Die Antwort darauf gibt uns der Offenbarungsglaube, wonach diese Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit Folgen der Erbsünde sind. Durch die Ursünde verlor der Mensch das Paradies: jenen Garten des gottgefälligen Lebens, der lauteren Liebe, des immerwährenden Glücks. Der Sündenfall brachte den Tod, das Leiden, das Unglück. “Infolge der Erbsünde ist die menschliche Natur in ihren Kräften ge­schwächt, der Unwissenheit, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt.”8

 

  1. Der Schatz des wahren Glaubens in zerbrechlichen Gefässen

Es ist gut für uns zu wissen, dass wir nicht die Starken sind. Die leistungsorientierte Gesellschaft, in der wir leben, erwartet den Starken, den Erfolgreichen, den Macher. Selbst im kirchlichen Leben breitet sich da und dort eine Mentalität aus, die – vielleicht unmerklich – der zeitgeistigen Machbarkeit, dem beständigen Leistungsdruck und dem zunehmenden Erfolgsdenken verpflichtet ist. Pastoralpläne, Projektstudien, Strukturreformen und was es sonst noch an vielversprechenden “Wundertüten” geben mag, das alles soll Transparenz, Effizienz und Akzeptanz sichern. Management ist gefragt; Manager sind gesucht. Leistungsausweis soll um Kundschaft werben. Biegt man den religiösen Binnenmarkt nach weltlichen Kriterien zurecht, dann braucht es eigentlich keinen Glauben mehr; dann ist auch Gott aussen vor. Man möchte alles selbst machen, sich selber den Erfolg zuschreiben, alles im Griff haben. In diese materialistisch, hedonistisch, utilitaristisch und relativistisch bestimmte Welt hinein soll nun der Schatz des wahren Glaubens gelangen – entsprechend dem vom Herrn seiner Kirche anvertrauten Auftrag, nämlich das von Gott selbst geoffenbarte und damit vorgegebene Glaubensgut getreulich zu hüten und zu allen Zeiten glaubwürdig zu verkünden. Schon in den frühen Taufkatechesen und schliesslich in den verschiedenen offiziell anerkannten Katechismen hat die Kirche sorgsam den Inhalt des wahren Glaubens so dargelegt, dass dieser als göttlicher Schatz aufscheint, durch den uns die Kenntnis der unerschöpflichen Reich­tümer des Heiles zukommt. Das Licht des wahren Glaubens soll die Menschheit “von der Unwissenheit und der Sklaverei der Sünde befreien und sie so zur einzigen dieses Namens würdigen Freiheit hinführen (vgl. Joh 8,32): zu derjenigen des Lebens in Jesus Christus unter der Führung des Heiligen Geistes hienieden, und im Himmelreich in der Fülle der Seligkeit der Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht (vgl. 1 Kor 13,12; 2 Kor 5,6-8).”9

Den Schatz des wahren Glaubens, den wir auch als gläubige Menschen in zerbrechlichen Gefässen tragen, zu bewahren und wirksam werden zu lassen, übersteigt unsere bloss menschlichen Kräfte und verlangt nach der Hilfe durch Gottes gnädiges Entgegenkommen. Nur in der Kraft des geschenkhaft übernatürlichen Lebens, das wir zunächst und zuerst durch die heilige Taufe und dann auch durch die anderen heiligen Sakramente empfangen, können wir diesen Schatz aufnehmen. Wenn der Taufbewerber gefragt wird: Was begehrst du von der Kirche Gottes?, antwortet er: Den Glauben. Dass er getauft werden möchte, ergibt sich schon durch seine Anwesenheit beim Taufgeschehen. Was ihm aber die Kirche vermitteln soll und darf, ist die Gnade des Glaubens – und zwar sowohl diese eingegossene göttliche Gabe selbst als auch den vollständigen Inhalt des katholischen und apostolischen Bekenntnisses. So kann der Täufling auf die Frage: Was gewährt dir der Glaube?, die entscheidende Antwort geben: Das ewige Leben.

Weil wir eben nicht die Starken sind, sondern sehr wohl um die Gebrechlichkeit unserer menschlichen Natur wissen, wenn es darum geht, den Schatz unseres wahren Glaubens zu wahren und im Leben fruchtbar zu machen, suchen wir in unserer Schwach­heit die Hilfe und den Schutz beim Offenbarer der Wahrheit und beim Urheber des Lebens selbst: beim Dreifaltigen Gott; denn das Übermass der Kraft kommt von Gott und nicht von uns.10

 

  1. Der Schatz der christlichen Hoffnung in zerbrechlichen Gefässen

Angesichts der vielfältigen Überforderungen im heutigen Lebensstress macht sich bei nicht wenigen Menschen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Vergeblichkeit breit. Frustrationen in zwischenmenschlichen Beziehungen, die aufgrund von Treulosigkeit, Wortbrüchigkeit und Verlogenheit immer mehr vorkommen, Frustrationen in gesellschaftlichen Umständen, in denen orientierungslos, planlos und ziellos dahingelebt wird, Frustrationen in privaten und öffentlichen Bereichen, wo es an Zukunftsperspektiven und wirklicher Sinnerfüllung fehlt, sind gleichsam vorprogrammiert. Auch hier wird deutlich, dass ein Leben ohne Gott und ohne Vertrauen in Gottes Vorsehung letztlich den Menschen auf sich selbst zurückwirft und ihn – mag er es wahrhaben wollen oder nicht – in seiner Erbärmlichkeit und Einsamkeit belässt. Frustrierte Menschen, die keinen Halt in Gottes liebender Zuwendung suchen und finden wollen, fallen leicht in Verzweiflung; sie verlieren oft auch unmerklich das Selbstvertrauen; sie erwarten dann nichts mehr von sich selbst, weil sie ohne Gottvertrauen allem, ja sich selbst misstrauen. Das macht mutlos und kraftlos zugleich. Eine andere Art, mit Frustration fertigwerden zu wollen, ist die Flucht in verschiedene Süchte: Alkoholismus, Drogenkonsum, Sexismus, Pornographie, um nur einige der häufigen Laster zu nennen. Gerade in solchen Zusammenhängen erfährt der Mensch, wie sehr er ein zerbrechliches Gefäss ist. Er mag es zugeben oder auch nicht: Es ist sehr schwer, von suchtbedingten Abhängigkeiten frei zu werden. So muss sich manch einer als hoffnungsloser Fall vorkommen oder anderen als solcher gelten.

Die christliche Hoffnung beruht auf einem ganz anderen Fundament als jedes noch so schätzenswerte menschliche Hoffnungsfünkchen. Für den Gläubigen ist Gott der Grund der Hoffnung, der sogar zur Hoffnung wider alle Hoffnung11 fähig macht. Hoffnung ist sozusagen eine Grundstimmung im Leben eines Gottgläubigen. Schon im Alten Bund leuchtet die Hoffnung als eine grundlegende existentielle Haltung auf. So lesen wir etwa beim Psalmisten die schönen Worte: “Herr, mein Gott, du bist ja meine Zuversicht, meine Hoffnung von Jugend auf. Vom Mutterleib an stütze ich mich auf dich, vom Mutterschoss an bist du mein Beschützer; dir gilt mein Lobpreis allezeit.”12 Paulus ist ein überzeugter und überzeugender Hoffnungsapostel, wenn er etwa im Römerbrief äussert: “Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.”13  Auch wenn wir den reichen  Scha­tz der christlichen Hoffnung persönlich in zerbrechlichen Gefässen tragen, so vergessen wir doch nie den Glanz auf dem Antlitz Christi, auf dem die Zeichen des Leidens bereits im Licht der Erlösungsherrlichkeit strahlen. Wir begnügen uns also im Blick auf ihn nicht mit einem blossen Hoffnungsschimmer und lassen uns schon gar nicht täuschen von irgend einem weltlichen Hoffnungsglimmer.

 

  1. Der Schatz der göttlichen Liebe in zerbrechlichen Gefässen

Kaum ein anderes Wort ist so häufig in aller Munde wie das Wort “Liebe”, so dass man schon von einem abgegriffenen Begriff sprechen könnte. Zumindest strapaziert man dieses Wort dermassen, dass dessen Inhalt nicht selten bis zur Unkenntlichkeit entstellt erscheint. Allermeist ist der Begriff emotional, sentimental und erotisch besetzt. Liebe ist dann ein Ausdruck des subjektiven Gefühls, der momentanen Stimmung, der auf Reiz ausgerichteten Empfindung. Sie beruht vielfach auf blosser Sympathie, auf der Wahrnehmung eines bestimmten Flairs, auf einer äusseren Attraktivität, bei welcher Stil, Formen, Farben, Gesten, Kleidung und dergleichen eine Hauptrolle spielen. Da hier Modeerscheinungen massgebend sind, hörst du mitunter schon bei Kindern und Jugendlichen die Klage: Mich mag niemand, weil ich so oder so aussehe. Auf mich schaut niemand, weil ich nicht einem bestimmten Model entspreche. Mich beachtet niemand, weil ich zu wenig modisch daherkomme. Was sagen wir solchen Menschen – nicht selten sind es jüngere Menschen, oft Mädchen und junge Frauen? Es nützt gewiss nichts, ihnen zu raten, sich einem bestehenden Trend anzupassen, um beliebt zu sein, um anerkannt zu werden, um gut ins Bild zu kommen. Das würde nur den Teufelskreis der Selbstverliebtheit und Selbstbespiegelung verstärken. Nein; sagen wir ihnen etwas ganz anderes: Du bist so, wie du bist, von Gott gewollt, von Gott geliebt, von jeher sein schöpferischer Gedanke. Du bist, wenn du Glauben hast, auch geliebt und umsorgt von deinem Schutzengel, der dir bei der Taufe als Freund und Begleiter zugeteilt wurde. Du bist geliebt von deinen Namenspatronen und von deinen Freunden und Freundinnen im Himmel, also von den Heiligen. Sie, die in der Anschauung Gottes sind, mögen dich mehr als jeder Mensch auf Erden und treten bei Gott für dich ein in deinen kleinen und grossen Anliegen. Du bist geliebt von deinen Angehörigen, die dir im Glauben vorangegangen sind und – ob noch am Reinigungsort oder schon im Himmel – für dich da sind. Ruf sie an und bitte sie um ihre Hilfe. Du bist geliebt hoffentlich auch von deinen Eltern, Geschwistern und Erziehern, von deinen Freunden und Freun­dinnen, auch wenn sie es dir vielleicht nicht oder nur ungenügend zeigen. Eines ist sicher: Wer glaubt, ist nie allein. Und du kann­st auch sicher sein, dass die Kirche, zu der du gehörst, dich liebt und täglich für dich betet. Hast du schon einmal daran gedacht, dass dem so ist, als du meintest, nicht beliebt und nicht geliebt zu sein?

 

Es ist wahr: Wir Menschen tragen den Schatz der göttlichen Liebe in zerbrechlichen Gefässen, weil wir oft eigensinnig, eigensüchtig, eigenwillig sind. Gott mutet uns trotzdem zu, dass wir seine Liebe in unseren zerbrechlichen Gefässen tragen. Gott “ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.”14 Und die Liebe jeder blossen Sentimentalität und Emotionalität enthebend, schreibt der Lieblingsjünger Jesu: “Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer.”15 Der Schatz der göttlichen Liebe, den wir in zerbrechlichen Gefässen tragen, kann sich also nicht im rein Gefühlshaften erschöpfen, sondern muss darüber hinaus – weil den Geboten Gottes verpflichtet – zum Grund und Inhalt der Lebensgestaltung werden.

Das Mädchen, über alle Ohren verliebt, zeigt schon in eine gute Richtung, wenn ihm das Wort Jesu gefallen hat: “Wo dein Scha­tz ist, da ist auch dein Herz.”16 Nur muss es erkennen, dass damit nicht einfach das geliebte “Schätzchen” gemeint ist; es sei denn, dieses würde zum wahren Schatz, der in den Himmel zu führen geeignet ist. Wenn Menschen nämlich sich gegenseitig helfen, durch ein gottgefälliges Leben in den Himmel zu kommen, dann haben sie erkannt, welcher gottgegebene Schatz sie füreinander sind. Ein solcher gegenseitiger Schatz zu sein, ist nicht einfach menschliches Machwerk, sondern bedarf der liebenden Zuwendung Gottes selbst; denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.

 

Wir alle wollen Gott um die Gnade bitten, dass wir nie den Schatz des wahren Glaubens, den Schatz der christlichen Hoffnung und den Schatz der göttlichen Liebe verlieren. Auch wenn wir uns als zerbrechliche Gefässe betrachten und erleben, dürfen wir mit dem Beistand Gottes darauf vertrauen, dass unser Leben im wahren Glauben, in der christlichen Hoffnung und in der göttlichen Liebe gelingt. Dazu hilft uns besonders die selige Jungfrau und Gottesmutter, beten wir doch beim Rosenkranz jene drei Ave Maria, in denen wir an Jesus die Bitte um die Mehrung des wahren Glaubens, die Stärkung der christlichen Hoffnung und die Entflammung der göttlichen Liebe richten. Amen.

 

Schellenberg am Gedenktag Unserer Lieben Frau von Lourdes, 11. Februar 2019                                                 

✠ Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz

 

1 Mt 6,21; vgl. auch Lk 12,34

2 2 Kor 4,6-7

3 2 Kor 4,8-10

4 Vgl 2 Kor 4,1-2

5 Sowohl im griechischen Urtext als auch in der lateinischen Übersetzung ist von irdenen bzw. tönernen Gefässen die Rede.

6 Gen 2,7

7 Vgl. Jes 29,16; 41,25; 45,9; 64,7; auch Ps 2,9; Sir 33,13; Jer 18,1-6; Röm 9,21

8 Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) Nr. 418

9 Johannes Paul II., Apostolische Konstitution “Fidei depositum” vom 11. Oktober 1992, Schluss-Satz

10 Vgl. 2 Kor 4,7

11 Vgl. Röm 4,18

12 Ps 71,5-6

13 Röm 5,1-5

14 1 Joh 4,16b

15 1 Joh 5,3

16 Mt 6,21

Hirtenbrief zur Fastenzeit 1998

Für eine offene Kirche. Glaubens-, Hoffnungs- und Liebesanstösse im Heilig-Geist-Jahr 1998